Junges Pferd anreiten – die ersten 90 Tage Schritt für Schritt
Von Eva Schlünsen, Bereiterin und Dressurausbilderin · 2026-06-02
Die ersten 90 Tage unter dem Sattel prägen ein Pferd für den Rest seines Lebens. Was es jetzt lernt – über Menschen, über Hilfen, über sich selbst – wird zur Grundlage für jede spätere Lektion, jede Stresssituation, jedes Vertrauen. Deshalb gehe ich Jungpferdeausbildung immer mit großer Demut an. Sie ist keine Routine, sondern eine Verantwortung. Hier teile ich meinen Plan, wie ich am Brockhorsthof Drei- und Vierjährige an die Arbeit unter dem Sattel heranführe – ehrlich, mit Pausen, mit klaren Schritten.
1. Vor Tag 1: Reife prüfen statt Alter zählen
Drei Jahre auf dem Papier sagen mir wenig. Ich schaue mir an: Wie ist die Wachstumsphase abgeschlossen? Stehen die Beine sauber? Gibt es Hinweise auf OCD oder Kissing Spines? Wie verhält sich das Pferd in der Herde – selbstbewusst, ängstlich, schlecht sozialisiert? Ein Tierarztcheck, idealerweise inklusive Röntgen von Hals und Rücken, ist für mich Voraussetzung. Wer hier spart, zahlt später drauf.
Genauso wichtig: Wie ist das Pferd vorbereitet? Lässt es sich überall anfassen, putzen, Hufe geben, verladen? Kennt es Stallgassen, Reithallen, plötzliche Geräusche? Ein junges Pferd, das vorher nie etwas erlebt hat, braucht zwei bis vier Wochen reine Gewöhnungsarbeit, bevor wir überhaupt an Sattel und Trense denken.
2. Tage 1–14: Vertrauen, Bodenarbeit, Ausrüstung
Die ersten zwei Wochen sind Bodenarbeit – und sonst nichts. Ich führe das Pferd durch alle relevanten Räume: Halle, Außenplatz, Putzplatz, Waschbox, Hänger. Ich übe Stehen, Weichen auf Druck, Rückwärtsrichten, ruhiges Folgen. Parallel gewöhnen wir es an Trense und Sattel: erst nur auflegen, dann längere Zeit drauflassen, dann an der Longe damit gehen. Jeder Schritt wird ausreichend wiederholt, bevor der nächste kommt.
Was ich in dieser Phase niemals tue: das Pferd jagen, longieren bis zur Erschöpfung, mit Hilfszügeln blockieren. Junge Pferde brauchen Bewegung, aber keine Tortur. Zwanzig Minuten ruhige, abwechslungsreiche Bodenarbeit pro Tag sind besser als eine Stunde mechanisches Im-Kreis-Laufen.
3. Tage 15–30: Longe, erste Anlehnung, Stimme als Hilfe
Jetzt beginnt strukturierte Longenarbeit – mit Kappzaum, nicht im Reithalfter. Wir arbeiten an Takt, Übergängen Schritt-Trab-Schritt, später ruhigem Galopp auf großem Zirkel. Die Stimme wird zur ersten echten Hilfe: ein klares „Trab", „Schritt", „Bleib stehen". Das Pferd lernt, sich auf den Menschen zu beziehen, ohne überreizt zu werden.
In dieser Phase taste ich auch die Reaktion auf leichte Anlehnung über die Doppellonge ab – aber sehr behutsam. Anlehnung ist nichts, was wir erzwingen. Sie entsteht, wenn das Pferd die Hand suchen darf, weil sie weich und verlässlich ist.
4. Tage 31–45: Aufsteigen, das erste Mal getragen werden
Das erste Aufsitzen ist für mich kein dramatischer Moment, sondern das logische Ergebnis der Vorarbeit. Ich arbeite immer mit einer ruhigen, erfahrenen Bodenperson. Wir beginnen mit Anlehnen aus der Aufstiegshilfe, dann legt sich der Reiter quer über den Sattel, dann ein Bein rüber, dann ruhig im Schritt einige Meter. Mehr nicht. Am ersten Tag.
In den folgenden Tagen kommen Schritt an der Longe dazu, dann freies Schritt-Reiten auf großen Linien, dann ruhiger Trab. Wichtig in dieser Phase: kurze Einheiten von 15 bis 20 Minuten unter dem Sattel, viel Lob, klare Hilfen. Das Pferd lernt jetzt, das Gewicht des Reiters zu tragen und in Bewegung auszubalancieren – körperlich eine enorme Leistung.
5. Tage 46–60: Hilfengebung klären, Übergänge, Außenwelt
Jetzt geht es darum, die Hilfen verständlich zu machen: vorwärts aus dem Schenkel, halten aus Sitz und weicher Hand, abwenden über Stellung und äußeren Schenkel. Wir reiten viele Übergänge Schritt-Trab-Schritt, gerade Linien, große Bögen. Galopp wird sauber an der Longe aufgebaut, später kontrolliert auf großem Zirkel unter dem Reiter.
Parallel beginnen wir mit kurzen Ausritten in Begleitung eines ruhigen, erfahrenen Pferdes. Die Außenwelt – Wege, Wald, Verkehr – ist für junge Pferde mindestens so wichtig wie die Halle. Ein Pferd, das nur drinnen arbeitet, wird draußen nervös, und umgekehrt.
6. Tage 61–75: Tragkraft aufbauen, Losgelassenheit festigen
Jetzt geht es um Substanz. Wir arbeiten an Tragkraft der Hinterhand, an Losgelassenheit über den Rücken, an einer echten, weichen Anlehnung. Cavaletti im Schritt und Trab, sanfte Stangenreihen, Tempo-Variationen innerhalb der Gangart, erste Schlangenlinien. Alles dosiert. Ich plane in dieser Phase mindestens einen reinen Geländetag pro Woche ein, manchmal komplette Pausentage.
Ein junges Pferd, das nach acht Wochen tägliches Hochleistungstraining bekommt, brennt aus. Eines, das vier bis fünf abwechslungsreiche Einheiten pro Woche bekommt, blüht auf.
7. Tage 76–90: Verlässlichkeit, kleine Aufgaben, Übergabe
In den letzten zwei Wochen geht es darum, das Erlernte zu festigen und alltagstauglich zu machen. Das Pferd soll sich von verschiedenen Reiter:innen reiten lassen, ohne sofort zu kippen. Es soll alleine in der Halle stehen können, ohne Panik. Es soll auf einen Hänger gehen, einen kleinen Ausflug machen, ruhig stehen bleiben. Diese Souveränität ist das, was später beim Turnier, beim Tierarzt oder im Notfall den Unterschied macht.
Parallel binde ich die Besitzer:innen aktiv ein. Sie reiten begleitet, lernen die individuellen Hilfen ihres Pferdes kennen, bekommen schriftliche Notizen mit, woran in den nächsten Monaten weitergearbeitet werden soll. Ein gut angerittenes Pferd ist nicht fertig – es ist gut begonnen.
8. Was ich in 90 Tagen bewusst nicht mache
Keine Versammlung. Keine seitwärts gerichteten Lektionen. Keine engen Volten. Keine fliegenden Wechsel. Kein Außenkanten. Kein stundenlanges Aussitzen. All das hat seine Zeit – aber nicht jetzt. Das junge Pferd muss erst lernen, sich selbst zu tragen, bevor es etwas zusätzlich tragen kann.
9. Häufige Fehler in der Jungpferdeausbildung
Drei Fehler sehe ich besonders oft: Erstens, zu schnelles Tempo – Aufsitzen am Tag drei, Galopp am Tag fünf, weil „ging ja gut". Junge Pferde geben oft mehr, als ihnen guttut. Zweitens, mechanische Longenarbeit ohne Pausen, ohne Sinn, mit Hilfszügeln, die Anlehnung simulieren. Drittens, zu viele wechselnde Bezugspersonen. Ein Pferd, das in den ersten 90 Tagen sechs verschiedene Reiter erlebt, lernt nichts klar – es lernt nur, sich zu schützen.
10. Fazit: 90 Tage sind ein Anfang, kein Ende
Ein gutes Anreiten dauert keine 90 Tage – es beginnt mit ihnen. Was wir in dieser Zeit aufbauen, ist die Beziehung, das Vertrauen, das Verständnis für Hilfen. Alles Weitere – Geraderichten, Versammlung, Lektionen, Turnierreife – ist Folgearbeit. Wer diese ersten drei Monate respektvoll und ehrlich gestaltet, hat ein Pferd, das ein Leben lang gerne mit dem Menschen arbeitet.
Wenn Sie ein Jungpferd anreiten lassen oder begleiten möchten und sich unsicher sind, ob Ihr Weg der richtige ist: Sprechen Sie mich an. Jedes junge Pferd verdient einen Start, der trägt.