Pferd gerade richten – warum Schiefe das Wurzelproblem fast aller Rittigkeitsthemen ist
Von Eva Schlünsen, Bereiterin und Dressurausbilderin · 2026-06-12
Wenn ich Reiter:innen frage, woran sie aktuell arbeiten, kommt fast immer dieselbe Liste: bessere Anlehnung, sauberere Galoppwechsel, mehr Tragkraft, leichteres Abwenden. Was kaum jemand sagt: „Ich arbeite an der Geraderichtung meines Pferdes." Dabei steckt genau dort die Wurzel fast aller dieser Themen. Ein schiefes Pferd kann nicht durchlässig sein – egal wie fleißig geritten wird. Hier erkläre ich, warum Geraderichten so zentral ist und wie ich es in meiner Arbeit am Brockhorsthof systematisch angehe.
1. Natürliche Schiefe: jedes Pferd hat sie
Genau wie wir Menschen Rechts- oder Linkshänder sind, hat jedes Pferd eine natürliche Schiefe. Das bedeutet: Eine Körperseite ist konkav (verkürzt), die andere konvex (verlängert). Meistens steht die Hinterhand leicht zur Seite, das Pferd tritt nicht in die Spur der Vorderhand. Auf der einen Hand fällt es ihm leicht, sich zu stellen und zu biegen – auf der anderen Hand „verschwindet" die innere Schulter oder die äußere Anlehnung wird hart. Das ist nicht böse, nicht widersetzlich, sondern Biologie.
Wer das einmal verstanden hat, hört auf, das Pferd zu „korrigieren", und beginnt, es auszugleichen. Das ist ein riesiger Unterschied – im Kopf und in der Hand.
2. Warum Schiefe alles andere blockiert
Solange ein Pferd schief läuft, kann es seine Hinterhand nicht gleichmäßig belasten. Das heißt: Es kann nicht ehrlich an die Hand treten. Es kann den Rücken nicht losgelassen schwingen lassen. Es kann keine sauberen Galoppwechsel anbieten, weil die Hinterhand nicht parallel zur Vorhand arbeitet. Versammlung wird zur Schiebepartie, nicht zur Tragearbeit.
Anders gesagt: Wer Lektionen reitet, ohne die Grundgeraderichtung gemacht zu haben, baut auf Sand. Das Pferd liefert vielleicht – aber es bezahlt mit Verspannung, Muskelaufbau auf der falschen Seite und langfristig mit Verschleiß.
3. Wie man Schiefe erkennt – auch ohne Trainer:in
Drei einfache Beobachtungen helfen, die Schiefe des eigenen Pferdes einzuschätzen. Erstens: Auf welcher Hand fühlt sich Stellung und Biegung „normal" an, auf welcher klemmt es? Die klemmende Hand ist die hohle Seite. Zweitens: Wo läuft die Hinterhand hin? Filmen Sie sich aus dem Schritt von hinten – tritt das Pferd in die Spur, oder weicht ein Hinterbein konsequent zur Seite? Drittens: Welche Schulter „flutscht" raus? Das ist die Schulter der konvexen Seite.
Diese drei Hinweise reichen meistens, um zu wissen, woran zu arbeiten ist – auch wenn die saubere Diagnostik natürlich in den Unterricht gehört.
4. Die Reihenfolge: Lösen, Vorwärts-Abwärts, dann Geraderichten
Geraderichten ist nicht der erste Punkt in der Ausbildungsskala – das hat einen Grund. Ein verspanntes Pferd lässt sich nicht gerade richten. Es wird nur noch verspannter. Deshalb beginnt jede meiner Einheiten – auch bei sehr fortgeschrittenen Pferden – mit gründlichem Lösen: lange Tritte im Schritt, ruhiger Trab in Dehnungshaltung, große Linien, weiche Anlehnung. Erst wenn das Pferd losgelassen ist und an die Hand tritt, beginne ich, die Schiefe konkret zu adressieren.
Wer dauerhaft mit Druck im Genick, festem Sitz oder ständigem „Innenzügel nehmen" arbeitet, richtet das Pferd nicht gerade – er biegt es nur fest.
5. Werkzeuge zum Geraderichten – und ihre Tücken
Die klassischen Lektionen zum Geraderichten sind bekannt: Schulterherein, Travers, Renvers, Konterstellung, Volten und sauber gerittenes Vorwärts-Seitwärts. Was viele unterschätzen: Diese Lektionen wirken nur, wenn sie korrekt geritten sind. Ein Schulterherein, in dem das Pferd den Hals abknickt und die Hinterhand abschiebt, verstärkt die Schiefe – statt sie zu korrigieren.
In meinen Stunden arbeite ich oft erst einmal lange im einfachen Bahnreiten: Eckenarbeit, ehrliche Wendungen, Konterstellung im Schritt. Sehr oft löst sich vieles schon, bevor wir überhaupt zu „echten" Seitengängen kommen. Pro Pferd heißt für mich auch hier: nicht zu früh, nicht zu viel, nicht zu kompliziert.
6. Die Rolle des Sitzes: gerader Reiter, gerades Pferd
Eine unbequeme Wahrheit: Die meisten Pferde sind auch deshalb schief, weil ihre Reiter:innen es sind. Wer ständig mehr Gewicht auf eine Gesäßhälfte legt, einen Schenkel hochzieht oder eine Hand fester anzieht, blockiert das Pferd dort, wo es eigentlich loslassen soll. Geraderichten beginnt deshalb bei mir oft mit Sitzschule: an der Longe, ohne Zügel, vor dem Spiegel, mit Videoanalyse. Eine Stunde am eigenen Sitz bringt manchmal mehr als zehn Stunden am Pferd.
7. Geraderichten braucht Zeit – und sie lohnt sich
Ein Pferd, das jahrelang schief gelaufen ist, wird nicht in zwei Wochen gerade. Realistisch ist ein Zeitraum von mehreren Monaten konsequenter Arbeit, bevor sich die Muskulatur beidseitig gleichmäßig entwickelt und das Pferd in der täglichen Arbeit ehrlich gerade anbietet. Diese Geduld zahlt sich aus: Die Anlehnung wird stabil, das Pferd wird durchlässig, Versammlung wird möglich – und gesundheitlich tut es dem Pferd schlicht gut.
8. Mein Fazit
Geraderichten ist keine fortgeschrittene Lektion für Profis, sondern die Voraussetzung für alles, was wir Reiter:innen vom Pferd wollen. Wer es ernst nimmt, hat irgendwann ein Pferd, das nicht gehalten werden muss, weil es sich selbst trägt. Und das ist letztlich das schönste Gefühl, das Dressur bieten kann.
Wenn Sie das Gefühl haben, im Training festzustecken, obwohl Sie fleißig arbeiten, lohnt es sich, einmal gezielt auf die Geraderichtung zu schauen. Genau dafür ist Unterricht da – am Brockhorsthof oder mobil in Essen, Velbert, Ratingen, Mettmann, Heiligenhaus und Umgebung.