Pferd bockt, steigt oder geht nicht vorwärts? 8 häufige Reitprobleme und was wirklich hilft

Von Eva Schlünsen, Bereiterin und Dressurausbilderin · 2025-07-15

Wenn das Reiten plötzlich zum Kampf wird, ist das frustrierend – für Sie und Ihr Pferd. Bocken, Steigen, Klemmen oder ständiges Gegen-den-Zügel-Laufen sind keine Bosheit, sondern Hilferufe. Die gute Nachricht: Hinter jedem dieser Probleme steckt eine Ursache, die sich finden und lösen lässt. In diesem Ratgeber zeige ich Ihnen, was wirklich hilft.

1. Pferd bockt – Ursache statt Symptom behandeln

Bocken ist eines der häufigsten Probleme im Sattel und wird oft missverstanden. Viele Reiter denken sofort an Dominanz oder Ungehorsam – dabei bockt ein Pferd fast immer aus körperlichem Unwohlsein oder Überforderung.

Mögliche Ursachen sind ein schlecht sitzender Sattel, Rückenprobleme, Magengeschwüre oder auch eine zu frühe Belastung bei Jungpferden. Bevor Sie am Verhalten arbeiten, sollte ein Tierarzt und Osteopath das Pferd gründlich untersuchen. Erst wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, beginnt die reiterliche Arbeit.

In meiner Erfahrung löst sich Bocken oft allein dadurch, dass der Sattel angepasst, die Trainingsintensität reduziert oder die Hilfengebung verfeinert wird. Ein Pferd, das sich wohlfühlt, hat keinen Grund zu bocken.

2. Pferd steigt beim Reiten – Ein ernstes Warnsignal

Steigen ist die gefährlichste Widersetzlichkeit und muss immer ernst genommen werden. Es ist niemals Spielerei. Ein steigendes Pferd signalisiert extreme Überforderung, Schmerz oder Angst.

Häufige Ursachen: Zu scharfes Gebiss, blockierende Reiterhand, Zahnprobleme, Rückenschmerzen oder traumatische Erfahrungen. Mein dringender Rat: Lassen Sie Ihr Pferd komplett durchuntersuchen – Zähne, Rücken, Genick. Arbeiten Sie danach ausschließlich mit einem erfahrenen Ausbilder, der das Pferd systematisch neu aufbaut.

Es braucht viel Geduld und fachliches Know-how, um das Vertrauen eines Pferdes zurückzugewinnen, das begonnen hat zu steigen. Hier sollte man niemals experimentieren, sondern professionelle Unterstützung suchen.

3. Pferd geht nicht vorwärts – Wenn der Motor stottert

Ein Pferd, das klemmt, sich festhält oder einfach nicht vorwärts gehen will, ist ein klassisches Problem im Reitunterricht. Dahinter steckt selten Faulheit.

Häufige Gründe: Zu starke Zügeleinwirkung bei gleichzeitigem Treiben (das Pferd wird quasi ausgebremst), fehlende Losgelassenheit, Rückenschmerzen oder auch mangelnde Motivation durch monotones Training. Die Lösung liegt fast immer in der Überarbeitung der Hilfengebung: Erst muss die Hand leichter werden, dann kann der treibende Schenkel wirken.

Geländeritte, abwechslungsreiches Training und Cavaletti-Arbeit können wahre Wunder wirken. Ein Pferd, das Freude an der Arbeit hat, geht von allein vorwärts.

4. Pferd läuft gegen den Zügel – Anlehnung verstehen

Wenn Ihr Pferd sich auf den Zügel legt, sich festmacht oder ständig nach unten zieht, ist das kein Kraftproblem – es ist ein Gleichgewichtsproblem. Das Pferd sucht am Zügel den Halt, den es eigentlich in seiner eigenen Balance finden sollte.

Die Lösung: Arbeiten Sie an der Tragkraft der Hinterhand. Viele Übergänge, Zirkel verkleinern und vergrößern, halbe Paraden – das alles stärkt die Hinterhand und macht die Vorhand leichter. Wichtig ist dabei, dass der Reiter nicht selbst am Zügel zieht, sondern immer wieder nachgibt und das Pferd ermutigt, sich selbst zu tragen.

Korrekte Anlehnung ist immer ein Ergebnis von Schwung und Balance – nie von Kraft. Ein erfahrener Trainer kann Ihnen zeigen, wie sich echte Anlehnung anfühlt.

5. Pferd lässt sich nicht angaloppieren – Ursachenforschung

Verweigert Ihr Pferd das Angaloppieren oder fällt immer wieder in den Trab zurück? Das kann verschiedene Ursachen haben: fehlende Balance, Schmerzen im Bewegungsapparat, ein falsches Timing der Galopphilfe oder Unsicherheit des Pferdes.

Prüfen Sie zuerst: Kann das Pferd an der Longe problemlos galoppieren? Wenn ja, liegt es wahrscheinlich an der Hilfengebung oder am Gleichgewicht unter dem Reiter. Wenn nein, sollte ein Tierarzt die Hinterhand und den Rücken untersuchen.

Mein Tipp: Galoppieren Sie anfangs vor allem auf großen Linien und in leichtem Sitz. So nehmen Sie dem Pferd das Gewicht vom Rücken und machen es ihm leichter, in den Galopp zu springen. Mit zunehmender Kraft und Balance wird der Galopp dann auch auf kleineren Linien und im Aussitzen möglich.

6. Pferd zieht nach unten beim Reiten

Wenn das Pferd den Kopf ständig nach unten nimmt und am Zügel zieht, ist das nicht nur anstrengend, sondern auch ein Zeichen für eine fehlende Selbsthaltung. Das Pferd hat noch nicht gelernt – oder verlernt – sich über den Rücken zu tragen.

Die Korrektur erfordert Geduld: Arbeiten Sie viel mit halben Paraden, kurzen Reprisen in Aufrichtung und sofortigem Nachgeben, wenn das Pferd sich leicht macht. Bestrafen Sie das Pferd niemals dafür – es macht das nicht absichtlich, sondern weil ihm die muskuläre Kraft fehlt.

Gezielter Muskelaufbau durch Stangenarbeit, Bergauf-Reiten (im Gelände) und korrekte gymnastizierende Arbeit bringt das Pferd dazu, sich selbst zu tragen.

7. Pferd plötzlich unrittig geworden – Was ist passiert?

Wenn ein bisher braves Pferd plötzlich Probleme zeigt, steckt fast immer eine konkrete Ursache dahinter. Gehen Sie systematisch vor:

  • Körperlicher Check: Zähne, Rücken, Sattel, Hufe – alles überprüfen lassen
  • Veränderungen im Umfeld: Neuer Stall, neue Koppelpartner, anderes Futter?
  • Training analysieren: Wurde der Anspruch zu schnell gesteigert?
  • Equipmentcheck: Passt der Sattel noch? Stimmt das Gebiss?

In 90 Prozent der Fälle finde ich bei sogenannten "plötzlich unrittigen" Pferden eine körperliche Ursache. Sobald diese behoben ist, löst sich das Problem oft von selbst. Die restlichen 10 Prozent brauchen eine systematische Neuausbildung mit viel Geduld.

8. Probleme mit dem Jungpferd – Grenzen erkennen

Jungpferde testen Grenzen, sind manchmal unsicher und überfordern schnell. Das ist völlig normal. Problematisch wird es, wenn der Reiter die Signale falsch deutet und zu früh zu viel verlangt.

Ein gutes Jungpferdtraining zeichnet sich durch kurze Einheiten (20-30 Minuten), viel Lob, abwechslungsreiches Training und vor allem Geduld aus. Jungpferde lernen nicht linear – es gibt gute und schlechte Tage, und das ist völlig in Ordnung.

Mein Rat: Wenn Sie mit Ihrem Jungpferd an Grenzen stoßen, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe zu holen. Ein erfahrener Ausbilder kann in wenigen Einheiten oft erkennen, wo das Problem liegt, und Ihnen den richtigen Weg zeigen. Das spart am Ende Zeit, Nerven und schützt Ihr Pferd vor negativen Erfahrungen.

Fazit: Jedes Problem hat eine Lösung

Egal ob Bocken, Steigen, Klemmen oder Anlehnungsprobleme – hinter jedem Reitproblem steckt eine Ursache. Und für jede Ursache gibt es eine Lösung. Der Schlüssel liegt darin, das Pferd als Partner zu sehen und seine Signale ernst zu nehmen. Wer zuerst fragt "Warum macht mein Pferd das?" statt "Wie bringe ich es dazu aufzuhören?", ist auf dem richtigen Weg.

Manchmal braucht es einen Blick von außen, um die Zusammenhänge zu erkennen. Eine professionelle Einschätzung kann Wochen des Herumprobierens ersparen und Ihrem Pferd unnötige Frustration ersparen.

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